Biographie

Musik machte Deutschland zu seiner zweiten Heimat

Den ersten Kontakt mit westlicher Musik hatte der vierjährige Babrak Wassa im Kindergarten. Dort stand ein Klavier, das erste, was er je gesehen hatte, und ihn faszinierte das Aussehen, die Größe, vor  allem der Klang dieses ihm fremden Instrumentes.  Babrak Wassa, am 21.6.1947 in Ghasni in Afghanistan geboren, wollte als Kind Schauspieler werden. Bekannte brachten ihn zum Rundfunk, um dort an der Produktion von Kindersendungen mitzuwirken.
Mit acht Jahren spielte Wassa im städtischen Theater Kabul mehrere Kinderrollen und sang verschiedene Solostücke. Im Rundfunkgebäude sah er zum ersten Mal die große Militärkapelle, die sonst nur beim König, bei Paraden oder anderen großen stattlichen Ereignissen auftrat. Vor den Aufzeichnungen zu den Kindersendungen schlich sich nun Wassa in das Studio und hörte dem großen Orchester bei dessen Proben zu. Besonders der Dirigent scheint es ihm angetan zu haben, denn von nun an spielte er zu Hause immer wieder eine Schallplatte ab und dirigierte inbrünstig das in seiner Phantasie vor ihm sitzende Orchester. Mittlerweile weiß er übrigens, dass es sich bei der Schallplatte um eine Aufnahme des Strauß-Walzers „An der schönen blauen Donau“ gehandelt hat. Wassa heute: ,, Diese Musik hat mich damals dermaßen fasziniert, dass ich mich immer mehr dafür interessiert habe. Glücklicherweise hat sie mich bis heute nicht mehr losgelassen.“ Westliche Musik, klassische wie moderne, war für afghanische Ohren, eigentlich für den ganzen Orient, etwas sehr Fremdes. In Kabul hörten die jungen Leute zwar die Beatles, aber klassische oder volkstümliche Musik Europas und Amerikas liefen allenfalls in Rundfunksendungen für die in Afghanistan lebenden Ausländer. Vor allem Mehrstimmigkeit war in der afghanischen Musik völlig unbekannt und verbreitete sich erst allmählich durch den Einfluss ausländischer Musiker, wenn auch zunächst nur auf dem instrumentalen Sektor.
In den 60er Jahren schloss sich Babrak Wassa einer Band an, die mit ihren europäischen Instrumenten und modernen Liedern in der Landessprache sehr viel Erfolg hatte, obwohl keiner der Jugendlichen Notenkenntnisse hatte. Der afghanische Kulturminister ermöglichte den jungen Leuten eine musikalische Ausbildung in der Sowjetunion. Dadurch erhielt Wassa ein Stipendium und kam 1965 nach Moskau ans Music-College, das dem Tschaikowsky-Konservatorium angegliedert ist. Nach erlernen der russischen Sprache wurde er hier unter optimalen Bedingungen in die Geheimnisse der Musik eingeführt und bekam das Rüstzeug für seine spätere Arbeit.
Im Jahr 1972  erwarb er sein Diplom als Chorleiter und Musikpädagoge. Aufgrund seiner Bestnote im Dirigieren wurde ihm ein weiteres Stipendium zuerkannt, dass ihm ein Studium am Tschaikowsky-Konservatorium selbst ermöglichte. Sechs Jahre später schloss er seine Studien mit dem Titel ,,Master of Arts“ ab und erhielt nun das Konservatoriumsdiplom in seinen Fächern.
Trotz politischer Unruhen kehrte Babrak Wassa im Herbst 1978 in seine Heimat zurück. Er wollte dort die westliche Musik bekanntmachen, Unterricht erteilen, komponieren und eventuell sogar eine neue Musikschule gründen. Man betraute ihn aufgrund seiner hervorragenden Qualifikation mit der Stellung des Generalsmusikdirektors am afghanischen Rundfunk und Fernsehen.
1979 gründete er den ersten Chor in der Geschichte seines Landes. Auf seinen Aufruf in Rundfunk und Fernsehen hin meldeten sich bereits am folgenden Tag mehr als 700  junge Menschen zwischen 17 und 24 Jahren, aus denen er 45 Sänger auswählte. Mit dieser Gruppe, mit der er am Punkt Null beginnen musste, wollte er innerhalb fünf bis sechs Jahren einen Profichor heranbilden. Dazu war es notwendig, den Schülern die theoretischen Grundlagen zu vermitteln und aktive Stimmbildung zu betreiben. Bereits im ersten Jahr hatte der Chor einige Auftritte, hauptsächlich mit zwei- oder dreistimmigen Sätzen, die Wassa selbstgeschrieben hatte. Trotz der Erfolge hatte Wassa keine rechte Freude an seiner Arbeit. Zunehmend geriet er ins Schussfeld der politischen Auseinandersetzung in seinem Land und sah sich mehr und mehr isoliert. Nach dem Einmarsch der sowjetischen Truppen in Afghanistan im Dezember 1979 nahm der Druck der Regierung auf die Medien zu. Mittlerweile wurde bestimmt, welche Musik im Rundfunk gespielt werden sollte und wer auftreten durfte. Da Wassa kein Kommunist war, waren ihm die Hände gebunden. Zweimal wurden Anschläge auf sein Büro verübt, denen er nur zufällig entkam, die ihm aber bewusst machten, dass sein Leben in Gefahr war. Babrak Wassa sah sich gezwungen Afghanistan zu verlassen.
Im April 1980 kam er in die Bundesrepublik. Er kannte das Land von mehreren Besuchen bei seinem hier studierenden Bruder. Nach anfänglichen Schwierigkeiten, begann er langsam, beruflich Fuß zu fassen, 1981 übernahm er die Stelle des Chorleiters beim Q.V. Heimatklänge Nußbaum in Paffrath.
Babrak Wassa Komponierte im Oktober-November 1981 sein Werk ,,Hoffnung“ für Orgel und zwei Trompeten, das während des Katholikentages am 3. September 1982 in St. Franziskus Düsseldorf uraufgeführt wurde. In dieser Komposition sind afghanische Volksweisen verarbeitet, geschaffen für alle Menschen, die eine neue und bessere Zukunft suchen. Sie wurde von den Zuhörern begeistert aufgenommen und bedeutete einen besonders großen Erfolg für Babrak Wassa. Eine weitere Komposition ,,Afghanica“, als Rhapsodie komponiert, schöpft eine Phantasie zu Volksliedelementen und Melodien aus ureigenen Motiven und wurde im April 1994 vor begeisterten Zuhörern mit dem Kölner Symphonieorchester uraufgeführt. Inzwischen leitet Babrak Wassa acht Chöre. Nachdem er drei Jahre als Kreisjugendchorleiter tätig war, ist er nun Kreischorleiter des Rheinisch-Bergischen Sängerkreises. Er schafft Bearbeitungen für Chöre und Chorsätze für Chöre aller Gattungen.
Seither sind Filmmusik, zahlreiche Bearbeitungen von Chorwerken und als besonders namhafte Komposition die afghanische Nationalhymne von ihm geschaffen worden.  Das Stabsmusikkorps der Bundeswehr hatte das Ehepaar Wassa zur Erstaufführung dieser Hymne nach Berlin eingeladen. Das Luftwaffen-Musikkorps der Bundeswehr in Karlsruhe übernahm es im Januar 2010, eine von Wassa als Soldatenlied für die afghanische Armee bearbeitete afghanische Volksweise einzuspielen